Wenn ein Hund plötzlich mit den Hinterbeinen schlurft, stolpert oder sie gar nicht mehr benutzen kann, ist das für jeden Hundebesitzer ein Schockmoment. Neurologische Ausfälle der Hinterbeine können viele Ursachen haben – von einem akuten Bandscheibenvorfall bis zur langsam fortschreitenden degenerativen Myelopathie. Schnelles Handeln ist entscheidend.
Neurologische Ausfälle der Hinterbeine sind ein Notfall. Besonders wenn der Hund plötzlich nicht mehr laufen kann oder Schmerzen zeigt, sofort zum Tierarzt oder in eine tierärztliche Notaufnahme fahren.
Was sind neurologische Ausfälle?
Neurologische Ausfälle entstehen, wenn die Verbindung zwischen Gehirn, Rückenmark und Gliedmaßen unterbrochen oder gestört ist. Das Nervensystem kann durch Druck, Entzündung, Degeneration oder Verletzung beeinträchtigt werden. Die Hinterbeine sind besonders häufig betroffen, da das Rückenmark hier besonders verletzlich ist.
Häufigste Ursachen
1. Bandscheibenvorfall (IVDD)
Der Bandscheibenvorfall ist die häufigste neurologische Ursache für Hinterbeinschwäche. Bandscheibenmaterial tritt aus und drückt auf das Rückenmark.
Zwei Typen:
- Hansen Typ I: Akuter Vorfall, oft innerhalb von Stunden. Häufig bei chondrodystrophen Rassen (Dackel, Basset, Französische Bulldogge).
- Hansen Typ II: Chronischer Vorfall über Monate. Häufiger bei großen Rassen (Labrador, Deutscher Schäferhund).
Schweregrade:
- Grad 1: Nur Schmerzen, keine Lähmung
- Grad 2: Schwankender Gang (Ataxie)
- Grad 3: Schwäche, aber noch gehfähig
- Grad 4: Lähmung, Tiefenschmerz vorhanden
- Grad 5: Komplette Lähmung, Tiefenschmerz fehlt
2. Degenerative Myelopathie (DM)
Die degenerative Myelopathie ist eine fortschreitende, nicht schmerzhafte Erkrankung des Rückenmarks, vergleichbar mit ALS beim Menschen. Sie beginnt mit Schwäche der Hinterbeine und führt über Monate bis Jahre zur vollständigen Lähmung.
Ein Gentest (SOD1-Mutation) kann eine genetische Veranlagung nachweisen. Eine Heilung ist nicht möglich, aber Physiotherapie kann den Verlauf verlangsamen.
3. Degenerativ-Lumbosacral-Stenose (DLSS)
Die Verengung des Wirbelkanals im Lenden-Kreuzgelenk-Bereich verursacht Schmerzen, Lahmheit der Hinterbeine und Schwierigkeiten beim Aufstehen. Häufig bei großen Hunden mittleren bis höheren Alters.
4. Fibrokartilaginöser Embolismus (FCE)
Beim FCE gelangt Bandscheibenmaterial in die Blutgefäße des Rückenmarks und verschließt diese. Der Beginn ist plötzlich, oft beim Sport oder Spielen. Im Gegensatz zum Bandscheibenvorfall: kein Schmerz, aber sofortige Lähmung. Häufig bei großen, aktiven Hunden.
5. Rückenmarkstumore
Tumore am oder im Rückenmark können auf Nervenbahnen drücken und progrediente Lähmungen verursachen. Die Prognose hängt stark von Tumorart und Lage ab.
6. Spondylitis / Discospondylitis
Bakterielle Infektionen der Bandscheiben und Wirbelkörper führen zu starken Schmerzen und neurologischen Ausfällen. Häufig begleitet von Fieber und allgemeiner Schwäche.
Symptome erkennen
Weitere Anzeichen:
- Hund mag keine Treppe mehr steigen
- Schmerzen beim Berühren des Rückens
- Krampfartige Bewegungen
- Verändertes Schwanzhalten
- Appetitlosigkeit durch Schmerzen
Diagnose
Der Tierarzt führt zunächst eine neurologische Untersuchung durch, bei der Reflexe, Tiefenschmerz und Stellreflexe getestet werden. Die neurologische Eingruppierung bestimmt den Schweregrad.
Bildgebende Verfahren:
- Röntgen: Zeigt Veränderungen an Wirbelkörpern, aber nicht das Rückenmark selbst
- Myelographie: Kontrastmittel in den Wirbelkanal zeigt Druckstellen
- MRT (Goldstandard): Genaue Darstellung von Rückenmark, Bandscheiben und Tumoren
- CT: Gute Darstellung von Knochenveränderungen
- Liquorpunktion: Analyse der Rückenmarksflüssigkeit bei Verdacht auf Entzündung
Behandlungsmöglichkeiten
Chirurgie beim Bandscheibenvorfall
Bei Grad 4–5 oder wenn konservative Behandlung nicht anschlägt, ist eine Operation oft der einzige Weg. Die Hemilaminektomie oder Ventral-Slot-Technik dekomprimiert das Rückenmark. Entscheidend für den Erfolg: Der Tiefenschmerz muss noch vorhanden sein. Wenn der Tiefenschmerz fehlt und länger als 48 Stunden vergangen sind, sinkt die Erfolgswahrscheinlichkeit erheblich.
Erfolgsraten:
- Tiefenschmerz vorhanden: 85–95 % Erfolg
- Tiefenschmerz fehlt, OP innerhalb 24–48 h: 50–60 %
- Tiefenschmerz fehlt länger als 48 h: unter 20 %
Physiotherapie und Rehabilitation
Ob nach OP oder bei DM – Physiotherapie ist entscheidend:
- Unterwasserlaufband (Hydrotherapie)
- Passive Bewegungsübungen
- Massage und Muskelaufbau
- Koordinationstraining
- Elektrotherapie (TENS, EMS)
Viele Hunde mit Hinterbeinschwäche profitieren enorm von einem Rollstuhl (Fahrgestell für Hunde). Hunde mit degenerativer Myelopathie können mit einem Fahrgestell noch jahrelang aktiv und glücklich sein.
Pflege zuhause: Worauf achten?
- Rutschfester Boden: Teppiche oder Yogamatten auslegen
- Rampen statt Treppe: Für Bett, Sofa, Auto
- Krankenunterlage: Druckstellen durch gute Lagerung vermeiden
- Blasenentleerung: Bei Inkontinenz regelmäßiges Ausdrücken der Blase nach Anleitung
- Hygienemanagement: Sauber halten, Wunden kontrollieren
- Gewichtsmanagement: Übergewicht zusätzlich vermeiden
Wann ist Einschläfern die richtige Entscheidung?
Diese Frage ist individuell und hängt stark von der Lebensqualität ab. Folgende Situationen sprechen dafür:
- Vollständige Lähmung ohne Tiefenschmerz und keine Besserung trotz Behandlung
- Unkontrollierbare Schmerzen trotz maximaler Schmerztherapie
- Der Hund zeigt keine Lebensfreude mehr
- Pflegeaufwand ist nicht leistbar und Lebensqualität leidet
- Schnell fortschreitende Lähmung mit Atemnot
Viele Hunde mit Lähmung können mit dem richtigen Equipment und Pflegekonzept noch ein erfülltes, schmerzfreies Leben führen. Hol dir immer eine zweite tierärztliche Meinung, bevor du diese Entscheidung triffst.
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